Es gibt Spiele, die man durchspielt, ins Regal stellt und irgendwann vergisst. Und dann gibt es NieR: Automata. Ein heimliches Meisterwerk, das sich tief in dein Gehirn gräbt und für immer in deinen Erinnerungen bleibt. Und dennoch werden es die meisten unter euch nicht gespielt haben.

Auch vor mir hat sich das Werk von Yoko Taro lange Zeit verborgen. Zum Release stand das Spiel zwar auf meiner Wunschliste, aber es dauerte noch zwei bis drei Jahre, bis ich mich darauf einließ und in die Welt eintauchte. Und, oh Boy, war ich nicht bereit für das, was mich erwartete. NieR: Automata wurde schnell zu dem Spiel, über das ich stundenlang reden und mir Fan-Essays in Spielfilmlänge ansehen konnte (Hi Michael Saba). Fortan empfahl ich es jedem in meinem Umfeld, wohlwissend, dass es sich vermutlich niemand wirklich ansehen würde. Und ja, auch das verstehe ich. Nach außen liest es sich wie ein generisches Animespiel: Animemädchen im Lolitakleid rettet die Welt. Doch unter der Haube ist es eben doch so viel mehr. Aber das hier soll kein Spiele-Review werden. Wir reden hier über die Musik, über das Konzert.

Seit einigen Jahren versuche ich bei fast jeder Ankündigung des Orchesterkonzerts zum NieR-Soundtrack Karten zu bekommen. Doch die waren immer superschnell ausverkauft, oder ich habe gar nicht erst mitbekommen, dass wieder eines der Konzerte ansteht. Dieses Mal war ich mithilfe des Ticket-Alarms bereit zuzuschlagen. Daher an dieser Stelle der Hinweis: Dieser Artikel ist kein gesponserter Post, sondern mein Erfahrungsbericht. Die Eintrittskarten habe ich mit meinem eigenen Geld bezahlt, und der Veranstalter beeinflusst meine Meinung nicht.

Nach meinem Playthrough war ich mit dem Spiel noch lange nicht fertig. Neben einigen Fanzusammenfassungen und Interpretationen hörte ich natürlich ununterbrochen den Soundtrack, zu Hause, während der Arbeit und auf der Autofahrt. Die Musik von Keiichi Okabe begleitete mich fortan in allen Lebenslagen. Dass ich damit offenbar nicht allein bin, beweisen die ständig ausverkauften Konzerte, so auch am vergangenen Freitag (16.10.2026).

Schon vor der Halle war klar, dass das kein normales Konzert wird, sondern ein Treffen von Gleichgesinnten. Trotz des jahreszeittypischen Rheinlandwetters scheuten sich die Fans nicht, ihre teilweise sehr aufwendigen Cosplays anzuziehen und ihre Lieblingscharaktere zu verkörpern. Zu den beliebtesten zählten natürlich 2B und 9S, aber auch einige Emil-Kostüme waren dabei. Der Veranstalter bat die Gäste im Vorfeld, zeitig anzureisen, und sorgte im Gegenzug dafür, dass man schon vor dem Einlass am Merch-Stand stöbern konnte. Von T-Shirts über Sticker bis hin zu Schallplatten gab es einige Artikel zu kaufen.

In der Konzerthalle wich die Hektik des Einlasses schnell der andächtigen Stille angesichts des schlichten Bühnenbildes. Orchestertypisch fokussiert verzichtete man auf eine überladene Show. Eine große Projektionsfläche für den Storyinhalt und ausreichend Platz für das Orchester, mehr brauchte es nicht.

Der Klang der Melancholie: Zwischen Zerstörung und Zerbrechlichkeit

Als Dirigent Eric Roth den Finger hob und die ersten vertrauten Töne durch den Saal hallten, machte sich ein bekanntes Gefühl breit. Vom letzten Playthrough wusste man ja: Es erwartet uns eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Leider gab es für mich persönlich an dieser Stelle den ersten Dämpfer des Abends, denn von der Soundqualität war ich etwas enttäuscht. Von einem vollen Orchester hatte ich mir eigentlich mehr erhofft. An meinem Platz hörte man vom eigentlichen Orchester nichts mehr, und auch der abgemischte Sound aus den Boxen war zwar nicht schlecht, aber nichts, was mir in ein paar Jahren noch positiv zum Event einfallen wird. Allerdings ist die Mitsubishi Electric Halle auch keine Location, die auf Orchesterkonzerte optimiert ist. Hier finden allerlei Events statt. Nach der 20-minütigen Pause in der Hälfte des Abends wurde die Soundqualität merklich besser, aber der Eindruck, dass dort vorn ein Orchester sitzt, entstand klangtechnisch auch weiterhin nicht. Der Präzision tat das keinen Abbruch. Alle Stücke wurden in einer Qualität gespielt, die man so auch 1:1 auf eine CD pressen könnte.

Die Setlist hatte ich vorher schon gesehen und war ehrlicherweise etwas enttäuscht. Ich hatte mir so sehr gewünscht, die Klänge des Spiels genau so noch einmal live zu erleben. Stattdessen standen neue Interpretationen der Stücke auf dem Programm. Im Nachhinein fand ich das gar nicht so schlecht, wie ich ursprünglich dachte. Die neuen Versionen fügten sich gut in die Erzählung des Pearl-Harbor-Zwischenfalls ein und waren bis auf eine Ausnahme mindestens genauso emotional gewichtig wie ihre Originale. Diese Ausnahme war das Schwergewicht Weight Of The World, dem meiner Meinung nach ein wenig von seiner Bedeutung genommen wurde. Die Prelude-Version wurde zwar technisch einwandfrei dargeboten und hatte für mich, da ich auch Final Fantasy XIV gespielt habe, einen Erinnerungswert, doch die Originalfassung hätte meines Erachtens besser funktioniert. Gerade weil Emi Evans und J’Nique Nicole anwesend waren.

Besonders von Emi Evans war ich an diesem Abend beeindruckt. Ihre Vocals klingen live genauso clean wie in den Studioaufnahmen. Neben ihrer Präzision beeindruckte mich die Sicherheit, mit der sie ihre Songs in der Fantasiesprache, der Chaos Language, darbot. Aber auch die kräftige, soulige Stimme von J’Nique Nicole enttäuschte nicht. Ihr Part war zeitweise nicht sonderlich gut abgemischt, doch ihre Professionalität schien dennoch durch. Das spiegelte sich auch im minutenlangen Applaus wider.

Die emotionale Schonungslosigkeit des Yoko Taro

Dass Yoko Taro in seinen Spielen besonders schonungslos mit den Gefühlen der Spieler umgeht, ist hinlänglich bekannt. Laut seiner eigenen Aussage geht es bei seinen Werken sogar weniger um das Spiel an sich, sondern viel mehr darum, was das Erlebnis mit dem Spieler macht. Und das unterscheidet auch ein normales Gaming-Konzert von einem NieR-Konzert. Hier wurde nicht nur wie bei Gaming-Orchesterkonzerten üblich die Musik mit Spielsequenzen untermalt. Die Musik wurde immer wieder unterbrochen und mit Dialogfetzen der schmerzhaften Schicksale der YoRHa-Einheiten rund um A2 verzahnt, vertont von den originalen japanischen Sprechern.

Inhaltlich wurde der Pearl-Harbor-Zwischenfall aufgegriffen, der den inneren Zerfall der Protagonistin A2 im Jahr 11941 darstellt. Bei der Operation wurde ein Trupp aus 16 YoRHa-Androiden aus dem Erdorbit über Hawaii abgeworfen. Ziel war es, den Server der Maschinen tief im Inneren des Berges Ka’ala auf Oahu zu zerstören und so die Kontrolle über den Pazifikraum zu erlangen.

Bereits beim Eintritt in die Erdatmosphäre erlitt die Einheit schwere Verluste. Zwölf der 16 Androiden wurden sofort vernichtet. Nur die vier Prototypen No. 2 (Attacker-Modell, später als A2 bekannt), No. 4 (Attacker-Modell), No. 16 (Gunner-Modell) und No. 21 (Scanner-Modell) erreichten lebend die Erdoberfläche. Am Boden stellten sie zunächst Kontakt zur bereits seit Jahrhunderten kämpfenden Rebellengruppe des Widerstands her, der zum Beispiel Anemone, Rose und Lily angehören. Im Laufe ihrer Operation bemerkten die Androiden immer mehr schockierende Ungereimtheiten. Es stellte sich heraus, dass die Mission nie darauf ausgelegt war, erfolgreich beendet zu werden. Vielmehr sollten die Prototypen in einer Art Stresstest eingesetzt werden, um Verhaltensdaten für die spätere Serienproduktion der B-, S- und E-Modelle zu sammeln. Als No. 2 und ihr Trupp Unterstützung anforderten, verweigerte Command jegliche Hilfe. Im Hintergrund war die Mission bereits als Totalverlust eingestuft, und die Prototypen wurden wissentlich in den sicheren Tod marschieren gelassen.

Am Ziel angekommen opferten sich No. 4, No. 16, No. 21 und die meisten Widerstandskämpferinnen nacheinander im erbitterten Kampf, um den Server zu sprengen. No. 2 überlebte als einzige YoRHa-Einheit.

Die Story macht deutlich, wie verletzlich, schüchtern, unsicher und warmherzig No. 2 zu Beginn ihrer Karriere war. Der Persönlichkeitswandel hin zur A2 der Spielstory wird durch den Tod ihrer Kameradinnen und die PTSD infolge der Grausamkeit der Mission glaubhaft erklärt. A2 desertierte nach dem Pearl-Harbor-Zwischenfall, sodass der Bunker fortan Hinrichtungsmodelle des Typs E entsandte, um sie zu eliminieren. Ironischerweise sind die während der Operation gesammelten Kampf- und Persönlichkeitsdaten von A2 die Grundlage für 2B und die gesamte 2er-Linie der Androiden. Wenn A2 und 2B im Spiel aufeinandertreffen, begegnen sich also Prototyp und Seriennachfolgerin.

Auch wenn die Story eine tolle Untermalung des Konzerts war, ließen die Visualisierungen etwas zu wünschen übrig. So wurden oft Spielszenen eingeblendet, die nichts mit der Handlung zu tun hatten, und die Dialoge wurden nur schriftlich ins Englische übersetzt und in lieblosen Textboxen dargestellt. Als zum Beispiel vom fies grinsenden Mädchen in Rot erzählt wurde, hätte ich mir gewünscht, dass genau dieses Gesicht im Jumpscare-Stil eingeblendet wird. Mich persönlich stört das nicht besonders, da das Musikalische für mich auch ohne den Storyinhalt funktionieren muss. Im Nachgang habe ich aber öfter gehört, dass bei einigen eine gewisse Enttäuschung bleibt.

Das unausweichliche Finale: Ending [E] im echten Leben

Jeder im Saal wusste, dass es kommen würde. Alles andere wäre einem NieR-Konzert auch nicht würdig gewesen: Weight Of The World. Als Eric Roth den Song als einzigartige Kollaboration ankündigte, war schnell klar, dass die Originalfassung aus NieR: Automata nicht gespielt wird. Stattdessen folgte das Arrangement von Keiichi Okabe mit dem von Nobuo Uematsu komponierten “The Prelude” aus dem Final-Fantasy-XIV-Raid “The Copied Factory”. Untermalt wurde das Stück, anders als im Spiel, von den Vocals von Emi Evans und J’Nique Nicole. Auch wenn ich das persönlich cool fand und es auch mit dem FF14-Raid verbinde, hatte das Finale nicht die emotionale Wucht, die ich mir vom Abschluss gewünscht hätte. Versteht mich nicht falsch, Prelude ist eine tolle Version von Weight Of The World und auch ein schönes Finale. Meckern auf hohem Niveau.

Fazit

NieR: Orchestra Concert 12026 [YoRHa] war kein gewöhnlicher Konzertabend, sondern (zumindest für mich) vielmehr eine Rückkehr zur emotionalen Rundreise, die ich vor einigen Jahren mit meinem ersten Playthrough von NieR: Automata begonnen hatte. Die Musik von Keiichi Okabe einmal live zu erleben, beweist für mich einmal mehr, dass Videospiel-Soundtracks längst in der obersten Liga zeitgenössischer Orchesterwerke mitspielen. Wer NieR gespielt hat, trägt ohnehin einen weiteren emotionalen Faktor in sich, aber auch jemand, der die Spiele nicht kennt, hat mir seine Berührtheit schon nach den ersten Songs bestätigt. Es ist einfach irgendetwas Besonderes, was so ein volles Orchester mit uns macht.

Setlist

  1. The Dark Colossus Destroys All
  2. Bipolar Nightmare
  3. Mourning
  4. Emil
  5. Kainé (mit Emi Evans)
  6. Voice Of No Return
  7. Kusabi (Wedge)
  8. The Last Song
  9. – Intermission – 
  10. City Ruins
  11. Fleeting Words (mit Emi Evans)
  12. Inori (Prayers)
  13. Normandy
  14. Song Of The Ancients (mit Emi Evans & J’Nique Nicole)
  15. Gods Bound By Rules
  16. A Beautiful Song (mit Emi Evans & J’Nique Nicole)
  17. The Sound Of The End
  18. Hai To Inori
  19. – Encore –
  20. Weight Of The World (Prelude) (mit Emi Evans & J’Nique Nicole)
  21.