Alle Jahre wieder steht er mal wieder auf der Matte. Der Rage der altbackenen traditionellen Medien in Bezug auf Jugend- und Popkultur. Auch jetzt wieder, kurz nach der Leipziger Buchmesse scheint sich manch einer auf den Schlips getreten und genötigt zu fühlen, einen medienwirksamen Hilfeschrei an die Öffentlichkeit zu verfassen. Im Folgenden nehme ich Bezug auf den vom Südwestrundfunk veröffentlichten Kommentar zur Leipziger Buchmesse am vergangenen Wochenende. 

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Deutschland ist eine aufgeschlossene Gesellschaft – das dachte ich zumindest bisher immer. Doch scheinbar ist dem nicht ganz der Fall. Zumindest wenn man dem Autoren des Kommentares, der wohlgemerkt für die Rubrik Kultur beim SWR verfasst wurde, folgen möchte. Da ist die Rede von „nackten Hasen“ und „düsteren Rittern“ (Zitat: Carsten Otte, SWR Artikel: Quelle 1, Absatz 6), die für einen Zerfall der bisher offenbar bei der LBM im Mittelpunkt stehenden „Mischung aus literarischen und politischen Diskussionen“ (Zitat: Carsten Otte, SWR Artikel: Quelle 1, Absatz 2) verantwortlich sein sollen. Otte unterstellt der Cosplaykultur weiter, dass diese das Konzept einer Buchmesse in Frage stellen, oder sogar nichtig machen. Bereits im ersten Absatz bläst er zum Angriff und behauptet, dass eine Messe mit durchaus ernsten Weltthemen von farbenfrohen Kostümfans gestört sei. 

Ich kann nicht ganz nachvollziehen wie Herr Otte auf die Quintessenz seines Kommentares kommt; Welche Gedankengänge er verfolgt: Die Leipziger Buchmesse soll laut eigenen Aussagen zur Diskussion aktueller Themen wie Flüchtlingspolitik, Meinungsfreiheit und diktatorische Regime anregen – Themen die laut Carsten Otte durch Cosplay-„Klamauk“ (Zitat: Carsten Otte, SWR Artikel: Quelle 1, Absatz 1) in den Hintergrund verfrachtet werden.

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Doch was genau ist Cosplay eigentlich? Cosplay ist eine Wortzusammensetzung aus den beiden Wörtern Costume und Play. Der Begriff wurde von den Japanern (orig: コスプレ, kosupure) für einen in den 90er Jahren auch zu uns ubergeschwappten Lifestyle-Trend geprägt. Cosplay bezeichnet seitdem ursprünglich die originalgetreue Darstellung eines Charakters aus einem Manga, Anime oder Computerspiel wird aber mittlerweile auch auf andere Bereiche wie Film oder Musik ausgeweitet betrieben. Dieses Kostümspiel ist bereits seit Längerem keine japanische Modeerscheinung mehr. Cosplay ist vielmehr bereits tief in die internationalen Jugendkulturen und somit auch in die unsere integriert. 

Man muss sich das einmal vorstellen: Junge sowie auch ältere Menschen fertigen in ihrer Freizeit teils sehr aufwändige und hochwertige Repliken – Kostüme wie sie sonst nur in Filmen zu sehen sein würden. Sie scheuen sich dabei nicht vor der intensiven Arbeit. Oftmals schlagen sich die Ausübenden dabei die letzten Nächte vor einer Convention um die Ohren, um das geliebte Stück noch rechtzeitig für den großen Tag fertigzustellen. Dabei sind Hürden vorprogrammiert. Cosplayer nehmen nicht nur ein immenses Stresslevel, sondern auch hohe finanzielle Aufwände in Kauf. Das Fertigen des Kostümes kostet Zeit und Geld, die Anreise, der Eintritt zum Event, Verpflegung, Unterkunft. All dies sind Hindernisse denen sich ein Mensch der dieses Hobby ausüben möchte, für gewöhnlich regelmäßig stellen muss. Und wofür das Ganze? Die Frage kann man sich durchaus stellen, denn für die meisten ist Cosplay eine Einbahnstraße. Sie verdienen damit kein Geld, sondern geben ihr im Dayjob hart verdientes höchstens noch mit vollen Händen aus. Aber darum geht es ihnen auch gar nicht. Es geht um das Zusammentreffen mit Gleichgesinnten. Fans des gleichen Anime zu treffen. Um die zahllosen kleinen Plaudereien über die durchgemachten Nächte und Strapazen, um das in dem Moment getragene Kostüm fertig zu bekommen. 

Doch auch abseits der großen Conventions geht das Cosplayleben weiter. Anhänger dieser Subkultur vernetzen sich online um sich in zahlreichen Foren auszutauschen und Fotos unter gleichgesinnten zu veröffentlichen. Wie viel deutlicher kann ein Zeichen gegen Rassismus und Staatsgrenzen denn sein? Eine internationale Szene, die gemeinsam das gleiche Hobby ausübt, welches als kleines Nebenprodukt auch noch ein farbenfrohes und öffentlichkeitswirksames Erscheinungsbild mitbringt, ist doch EIN, wenn nicht sogar DER deutlichste Appell an die Meinungsfreiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit unserer Zivilisation. 

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Bücher sind ein jahrhunderte altes Medium. Die heutige Gesellschaft ist eine schnelllebige Welt in der längst nicht mehr jeder die Zeit investieren kann oder möchte, sich bei dem bewährten guten Buch und einer Flasche Wein in die liebevoll gestalteten Fantasiewelten zu verlieren. Viele Wälzer bestehend aus hunderten an Seiten stellen daher den Stoff für gute Filme dar, aber auch die bildliche Darstellung von Handlungsabschnitten in Buchform (z.B. Manga) findet hierzulande immer mehr Anklang. Ich habe hier gar nicht den Anspruch eine Marktanalyse zum Absatz von traditionellen Medien anzufertigen, aber dass Gedrucktes heute schwächelt, ist kein Geheimnis. Unter Cosplayern befinden sich viele Manga-Fans. Diese sind zum Teil auch die Zielgruppe der Leipziger Buchmesse. Ein Verbot von Cosplay auf der Messe würde auch die Entscheidung für eine solche Fachmesse auf eine andere Basis stellen und womöglich die Besucherzahl deutlich geringer ausfallen lassen. Längst haben darüber hinaus auch Austeller die Vorzüge von Cosplay erkannt und engagieren diese teilweise eigens für die Promotion der gezeigten Werke am Stand. 

Zugegeben: Unter den Kostümen der heutigen Zeit befindet sich auch eine handvoll grenzwertiger Outfits. Lassen Sie mich hierbei Aufklärungsarbeit leisten, Herr Otte und Ihnen erklären, dass dies auch innerhalb der Cosplay Szene nicht unerkannt und unumstritten ist. Zahlreiche Diskussionen zu diesem Thema gehen bereits heiß her (verzeihen Sie mir dieses Wortspiel). Auf vielen Conventions ist das zur Schau stellen von nackter Haut und freizügigen Kostümen darüber hinaus bereits verboten. Ob dies allerdings den richtigen Ansatzpunkt darstellt, ist fragwürdig. Wie oft wollen wir medienwirksam unter Beweis stellen, dass in Deutschland eine freie Gesellschaft Vorrang habe. Besonders nach den Terroranschlägen in Paris sind zahlreiche Menschen auch hierzulande auf die Straße gegangen um für ein freies Deutschland, Europa – nein eine freie Welt zu demonstrieren und unsere Weltanschauung und Verachtung von unterdrückenden Regimen zu beweisen. 

Cosplay stellt für mich beim längeren Nachdenken sowas wie einen Inbegriff von Meinungsfreiheit, Kreativität und Weltoffenheit – aber auch Gemeinschaft, das Füreinander und Miteinander dar. Es ist ein Zeichen gegen Rassismus und Grenzen. 

 

Dies war ein Kommentar von Steven Lew für Ohanami. Dieser Kommentar stellt die persönliche Meinung des Autoren dar. 

Quelle 1: http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kein-ort-fuer-nackte-hasen/-/id=9597116/did=19262990/nid=9597116/1vznkrl/index.html Stand: abgerufen 28.03.2017 07:39 Uhr

Bilder: © Ohanami